Wer meint, der Mercedes-Benz 190 sei eine langweilige Familienkutsche der 1980er, dem dürften beim düsteren 190 E 2.5-16 Evo II geradezu die Augen aus dem Kopf fallen. Der Viertürer sieht nicht nur spektakulär aus, sondern trägt echte Tourenwagengene in sich. Eine spektakuläre Zeitmaschine einer rasenden Motorsportzeit.
Die Wertentwicklung zum 190 E 2.5-16 Evo II wird euch präsentiert von Classic Analytics
Als die Deutsche Tourenwagen Meisterschaft noch eine der schärfsten Rennserien der Welt war, wechselte gerade die Dekade gerade von den 1980ern auf die 1990er. Die Modelle der unteren Mittelklasse, die sich auf deutschen Straßen im Alltagsverkehr begegneten, traten an Wochenende in wilder Kriegsbemalung auf europäischen Rennstrecken und Flugplatzkurven im Niemandsland gegeneinander an. Der wohl spektakulärste Bolide seiner ehemals familiären Art war der Mercedes-Benz 190 E 2.5-16, der gerade in seiner spitzesten Ausbaustufe Evo II die Gegner auf und abseits der Piste in Angst und Schrecken versetzte. Bis heute ist der Viertürer auf der Straße ein Hingucker und was für einer, denn selbst in Miami Beach holen Autofans die Smartphones raus, um ein Foto vom deutschen Darth Vader zu bekommen. Seine schwarz-blaue Metalliclackierung mit dem internen Farbcode 199 stammt aus dem Daimlerschen Serienlager; gleiches gilt für Lampen, Rückleuchten, Kühlergrill, Spiegel und weitere Kleinteile. Doch sonst hat der Evo II nicht mehr viel mit dem begehrten Baby-Benz gemein.
Der Mercedes-Benz 190 E 2.5-16 Evo II ist spektakulär; sein Aussehen polarisiert. Allzu sehr mussten ihm seinerzeit die Daimler-Entwickler technisch auf den Leib rücken, um den letzten Funken Fahrdynamik aus ihm herauszukitzeln, derartige Bestleistungen bringen zu können. Tiefer Frontspoiler, Spurverbreiterungen vorne wie hinten, dicke Kotflügelbacken und Schweller rundum sowie einen gigantischen Heckflügel, der für den nötigen Abtrieb an der Hinterachse sorgen sollte – das alles schafft mächtig Eindruck. Nach der AMG-Rennkur war der Mercedes-Benz 190 E 2.5-16 Evo II kaum mehr wiederzuerkennen. Voll ausgedreht schafft der Renner mit Straßenzulassung Tempo 250 und beschleunigt in seinerzeit mehr als beeindruckenden 7,1 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100. Noch wilder trieb es die offizielle Rennvariante. Ihre Motorleistung wurde auf deutlich mehr als 300 PS gesteigert, während die 1,3 Tonnen schwere Limousine im Renntrimm gleichzeitig auf weniger als 1.000 Kilogramm abspeckte. Die Höchstgeschwindigkeit: rund 300 km/h. 1992 wird das Engagement durch den Titelgewinn von Klaus Ludwig in der Deutschen Tourenwagen Meisterschaft belohnt.
Für die Erfolge sorgte der mehrfach überarbeitete Vierzylinder-Saugmotor, der auf dem des kaum weniger imageträchtigen Mercedes-Benz 190 E 2.3-16 basierte. Im Jahre 1990 war der 2,5 Liter große Vierzylinder mit seinen 16 Ventilen von 150 kW / 204 PS des Evo I auf 173 kW / 235 PS und ein maximales Drehmoment von 245 Nm erstarkt. Aus dem Drehzahlkeller ist bei solch einem Rennwagen mit der Straßenzulassung nicht viel zu machen. Seine Maximalleistung steht erst bei über 7.000 Touren zur Verfügung und auch das maximale Drehmoment ist erst jenseits der 5.000 U/min bereit für alle Schandtaten. Doch lässt man den Rennwagen an der langen Leine und dreht die Gänge engagierter aus, erwacht der 2,5 Liter große Vierzylinder zu wahrem Leben und donnert hintergründig brummend los, als gäbe es kein Morgen. An die ungewöhnliche Fünfgang-Schaltung mit dem ersten Gang unten links gewöhnt man sich ebenso wie beim ebenfalls vierzylindrigen Gegenüber BMW M3 schneller als an die Übersetzung, die obligatorisch an die hohen Drehzahlen angelegt ist. Die Fahrwerksabstimmung mit ihren 245er-17-Zoll-Rädern ist straff – die Lenkung angenehm direkt, während die Monoblock-Felge eine der schönsten aus der schwäbischen Historie ist.
Jene ungewöhnliche Symbiose aus Familienkutsche und scharfem Rennwagen, die einen bereits von außen in seinen Bann zieht, gibt es auch im Innern. Allzu bekannte Instrumente, nüchterne Bedienelemente und Normalo-Verkleidungen kennt man bestens aus dem Serien-Baby-Benz der 80er. Der Tacho des DTM-Ablegers reicht jedoch selbstbewusst bis 260 km/h, der Drehzahlmesser sogar bis 9.000 Touren und erst bei 7.700 U/min wird der Drehzahlbereich rot untermalt. Den sportlichen Anspruch unterstreichen Bordcomputer sowie Voltmeter und die ablesbare Öltemperatur. Das verheißt für die Konkurrenz nichts Gutes. Trotzdem kommt der Komfort bei der Straßenversion alles andere als zu kurz. So gibt es bequeme Sport-Teilledersitze mit dem charakteristischen Karomuster, elektrisches Schiebedach / Fensterheber vorn wie hinten, Fahrerairbag sowie konturstarke Einzelsitze auch im Fond. Die Sicht nach hinten ist deutlich besser, als man es von außen erwarten würde. Der gigantische Heckflügel ist derart hoch, dass man im Rückspiegel darunter durchschauen kann und nur der obere Teil der Heckscheibe ist abgeklebt. Die Abrisskante des Heckspoilers verlängert den familientauglichen Laderaum der besseren Aerodynamik wegen um ein paar Zentimeter. Einer der vielen technischen Kniffe, um den Evo II zu einem echten Rennwagen zu machen.
Auf dem freien Markt braucht man nach einem der seltenen 502 Modelle kaum zu suchen. Ein realer Markt ist nicht vorhanden und so muss man nehmen, was angeboten wird. Der 204 PS starke Evo I ohne den martialischen Auftritt seines großen Bruders kostet je nach Zustand und Laufleistung zwischen 50.000 und 100.000 Euro. Einen der 235 PS starken Mercedes-Benz 190 E 2.5-16 Evo II mit ihren 173 kW / 235 PS in die eigene Garage zu locken, schlägt mit mindestens 180.000 Euro zu Buche. Damit kostet er mehr als das Dreifache des Neupreises, der seinerzeit bei 115.260 Mark (umgerechnet 58.932 Euro) lag. Mit der optionalen Klimaanlage waren es sogar 119.717 Mark (61.210 Euro) und mit beheizten Ledersitzen und Schiebedach noch ein paar Taler mehr. Die laufende Produktionsnummer des Wagens, von dem offiziell 502 Modelle gebaut wurden, befindet sich auf dem Schaltknauf, auf dem allerdings nur von 500 Autos die Rede ist. Real sind es 502, die nötig waren, um Anfang der 1990er Jahre die begehrte Rennsporthomologation zu erlangen. Nach wie vor eine der schärfsten Möglichkeiten, einen Mercedes-Benz-Rennwagen auf der Straße zu fahren – mit einzigartigem 90er-Charme und Kultcharakter.
23 Bilder Fotostrecke | DTM-Ikone mit Straßenzulassung: German Darth Vader: Mercedes-Benz 190 E 2.5-16 Evo II
Das könnte euch auch interessieren:
Sterne unterm Hammer bei Nordstern Classic
Mercedes-Benz 190 E 2.5-16 EVO I steht zum Verkauf
Sterne unterm Hammer
Restaurationsprojekt: Mercedes-Benz S 6,8 Open Tourer von 1927


Keine Kommentare
Schreibe einen Kommentar